Aktuelles

Diese Website widmet sich Brigitte Reimann und Schriftstellern in ihrem Umfeld. Sie widerspiegelt meine mehr als zwanzigjährige Forschungstätigkeit zum Thema und die daraus hervorgegangenen Publikationen.

Dazu gehören auch kurzgehaltene Biografien der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, mit denen ich mich in diesem Zusammenhang beschäftigt habe. Aktuell sind das Brigitte Reimann, Siegfried Pitschmann, Wolfgang Schreyer und Reiner Kunze.

In der Rubrik „Wussten Sie schon, ...“ stelle ich Ihnen Neuentdeckungen und bisher unbekannte Details zu Brigitte Reimann und ihren Schriftstellerkollegen vor. Etwa monatlich oder aus aktuellem Anlass wird es auf der Seite „Aktuelles“ einen neuen Post dazu geben (siehe unten). Alle bisherigen Einträge werden auf der Archivseite „Wussten Sie schon, ...“ gesammelt.

Aufsätze zu verschiedenen Themen im Zusammenhang mit Brigitte Reimann bieten jeweils als Volltexte Einblick in meine Forschungsergebnisse. Veröffentlichungen, auch auszugsweise, oder jedwede sonstige Verwendung des Materials, sind nur mit meiner ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung gestattet. Der Titel des ersten Aufsatzes lautet: „Wie die Ankunftsliteratur zu ihrem Namen kam“.


Neuerscheinung / November 2018

Inspiriert von Reiner Kunzes 85. Geburtstag am 16. August 2018 erschien in der traditionsreichen „Edition Toni Pongratz“ der Essay „Der Brief als solcher würde sich geehrt fühlen“. Der Essay beleuchtet aus verschiedenen Perspektiven Reiner Kunzes ungewöhnliches Verhältnis zur Post. Zitate Reiner Kunzes und Gedichtauszüge bilden den roten Faden, der sich durch den gesamten Essay zieht.



Kristina Stella
Der Brief als solcher würde sich geehrt fühlen – Reiner Kunze zum 85. Geburtstag
Hauzenberg: Edition Toni Pongratz 2018, ISBN 978-3-945823-06-4, 29 Seiten, Klappenbroschur, zahlreiche Illustrationen, EUR 12.00
Edition Toni Pongratz

Die Buchausgabe in einer nummerierten und signierten Auflage von 500 Exemplaren ist mit bisher unveröffentlichten, individuell gestalteten Briefumschlägen Reiner Kunzes illustriert, die eigene Bildergeschichten erzählen und seit DDR-Zeiten eine Tradition in der Familie Kunze sind. Die Original-Briefumschläge befinden sich im Archiv der Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung in Obernzell-Erlau.
Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung

Aus dem Buch: Ernst Jandl??? Absender unbekannt!

Die gesamte Post der DDR durchlief in deren zentralen Postämtern die dort getarnt arbeitenden Stasi-Kontrollstellen. Briefe, die anhand ihres Absenders, der Empfängeradresse oder ihrer äußeren Merkmale verdächtig erschienen, wurden geöffnet, kopiert, wieder verschlossen und weiterbefördert oder einbehalten: „Briefe ihr / weißen läuse im / pelz des vaterlands, wartet, / die post ist / ein kamm!“ (R. Kunze)

Röntgentechnik, Brieföffnungsautomaten und Briefschließmaschinen sorgten seit den 1970er Jahren für die zuverlässige Erfüllung des Plansolls der Überwachungsmaschinerie, die auf politisch Andersdenkende ihre besondere Aufmerksamkeit richtete. Ganz speziell auf jene, die offen und kritisch ihre Meinung äußerten wie Reiner Kunze: „Auch die briefe, die wir / schweigen, werden / durchleuchtet“. (R. Kunze)

Feind ist, wer anders denkt! Das ganze Ausmaß offenbarte sich Reiner Kunze allerdings erst nach Auswertung seiner 24bändigen MfS-Akte im Jahr 1990. Manche Briefe bekam er dort erstmals zu Gesicht – exemplarische Beispiele des Intelligenzniveaus mancher Stasi-Mitarbeiter inklusive. Handschriftliche Bemerkung auf dem Umschlag eines konfiszierten Briefs von Ernst Jandl aus Wien an Reiner Kunze: „Absender unbekannt“.
Weitere Informationen zum Buch


Wussten Sie schon, ...


..., dass sowohl Brigitte Reimann als auch Siegfried Pitschmann eine Weihnachtsgeschichte geschrieben haben?


Für die Weihnachtsausgabe 1961 der „Wochenpost“ entstand Brigitte Reimanns Erzählung „Bei der halben Nacht“.
Die Erzählung besteht aus drei voneinander unabhängigen Episoden, die alle in Hoyerswerda und an Heiligabend spielen und deren Ende jeweils offengelassen wird. Die Protagonisten aller drei Episoden arbeiten im Kombinat Schwarze Pumpe. Eingeleitet wird die Weihnachtserzählung von Brigitte Reimann selbst wie folgt: „Das Haus, in dem ich wohne, ist ganz neu, und die Stadt ist neu, eine Stadt aus dem Baukasten, mit linealgeraden Straßen und struppigen, kleinen Bäumen. Manchmal, an den schweren, grauen Winterabenden, schmeckt die Luft nach dem Rauch und Ruß des großen Werkes, das seine Rohrfinger über die Heide auszustrecken beginnt. In meinem blau und gelben Haus riecht es noch immer nach Farbe und streng nach Beton, aber an den Wänden im Treppenhaus gibt es schon nichtsnutzige Inschriften und die dürren Männlein, wie Kinder sie malen … Ich habe ein Jahr lang Zeit gehabt, meine Nachbarn kennenzulernen – und nun geht das Jahr zu Ende, es ist Weihnachten, eine stille, frostige Nacht mit schrägem Mond über den schneefleckigen Dächern, und das Haus ist erfüllt von einem warmen, duftenden Brodem, in dem sich die Düfte von Honigkuchen und Äpfeln und Tannennadeln mischen.“

Für die Weihnachtsausgabe 1960 der „Wochenpost“ entstand Siegfried Pitschmanns Erzählung „Das Fest“, die am Weihnachtsabend 1957 spielt.
Im Jahr 1957 lebten und arbeiteten in der Trattendorfer Heide, zwischen den Orten Spremberg und Hoyerswerda gelegen, moderne Goldgräber, sozialistische Helden und gescheiterte Existenzen, die sich aus Geldgründen, aus Idealismus oder wegen eines Dachs über dem Kopf zusammenfanden, um das Braunkohlenkombinat „Schwarze Pumpe“ aufzubauen. „Wenn in ‚Das Fest‘ fünf Arbeiter gemeinsam Weihnachten feiern mit Gänsekeulen und Pfefferminzfusel im Schein echter Kerzen und einer dann erzählt, wie seine Mutter auf der Flucht gestorben ist – da spürt man einen Kloß im Hals. Aus Pitschmann hätte ein Charles Bukowski werden können. Aber dafür hätte er fortgehen müssen. 2002 ist er gestorben. In Suhl.“ (Andreas Montag in „Mitteldeutsche Zeitung“, 27.02.2016) Die vollständige Sammlung von Siegfried Pitschmanns „Erzählungen aus Schwarze Pumpe” ist 2016 im Aisthesis-Verlag als Buchausgabe erschienen.

Leseprobe aus Siegfried Pitschmanns „Das Fest“

Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, begab sich am Weihnachtsabend des Jahres 1957, in einem weitläufigen, eilig für viertausend Bauleute aufgestellten Wohnlager, unweit des riesigen Industriewerkes, das wir zu jener Zeit in der Heide von T. errichteten. Zwischen den Baracken hasteten zwei ältere Männer dem Lagerausgang zu, Nachzügler für den letzten Bus (die meisten Bewohner der Behelfsstadt waren schon am Morgen in alle Richtungen davongefahren, nach Hause zu Freundschaft und Familie), und der eine Mann blieb plötzlich stehen und rief: „Nun sieh dir das an!“ „Natürlich – die Halbstarken“, sagte der andere, und er schüttelte ärgerlich den Kopf, und dann hasteten sie weiter, die lange, mit gefrorenen Pfützen betupfte Straße hinunter. Freilich, vor fremden Augen war dies eine seltsame, ja ungehörige Prozession: Voran, in einer mörtelfleckigen Wattekombination, marschierte ein stämmiger Junge, etwa zwanzigjährig, Birne geheißen. Er sang mit Inbrunst eine Mischung zwischen Schlager und Choral, nach einem wirren und frechen Text, der ihm wer weiß woher zuflog, und seine schöne, leicht rauchige Baritonstimme stieg feierlich über die Barackendächer. Er trug das Bäumchen, das er schon vor Tagen auf dem endlos flachen Baugelände entdeckt und abgehauen hatte, inmitten eines stehengelassenen Bestandes von krüppligen Kiefern und Birken, und die Nadeln kitzelten sein Gesicht. Hinter ihm kam Jonas mit dem Kleinen, den sie Fliege nannten, und zwischen den beiden schaukelte der Kasten mit den Bierflaschen. Jonas war lang aufgeschossen, sehr schmal in den Schultern, schweigsam, von eigenartig schlenkerndem Gang und mit überlangen dürren Armen, und er starrte verloren auf irgendeinen Punkt Ypsilon am milchig dämmernden Horizont. Fliege blinzelte manchmal zu ihm hoch. Er hatte Sommersprossen und Pickel und wachsgelbes Stichelhaar, und wenn er sprach, eifrig und hastig, überschlug sich seine Rede in einem verspäteten Stimmbruchfalsett. Er schwenkte heiter drei knusprige Gänsekeulen, die in Zellophan gewickelt waren. Auch Karlchen, der ihnen als vierter unbeholfen nachtippelte, rundlich und luftschnappend und immer ein bißchen erstaunt, wedelte mit einem Zellophanpäckchen herum, und seine ausgetretenen Filzstiefel schlappten eilig über den gefrorenen Boden. Er atmete ein bißchen zu rasch und zu kurz; manchen Tag hatte er Schwierigkeiten mit der Luft. Am Ende schließlich, als wollte er den Zug mit seinem verläßlich ausladenden Rücken gegen alle Zufälle beschützen, marschierte der große Radnick, breit in seiner roten Lederkluft dahinwiegend, und dieser war der Älteste. Seine runde Mütze mit dem dicken Pelzrand war aufgeknöpft, und die Ohrenklappen schaukelten und gaben seinem Gesicht einen Zug ins Verwegene und fast Verwilderte. So zogen sie also durch das Lager, eine flüchtige und lärmende Herausforderung für jene letzten Heimreisenden, die an ihnen vorbeiliefen, schnaufend und hochbepackt und schon eingezirkelt in ihr weihnachtliches Vorgefühl. Es dämmerte, und die Wolken hingen weißlichgrau und dick und unbeweglich über der schwarzgrünen Kiefernkulisse am Rande der Siedlung.

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